Furcht vor Verbrechen: Der verzerrte Blick auf die Kriminalität

Jana Lange und Kai Laufen berichten in ihre Sendung Furcht vor Verbrechen: Der verzerrte Blick auf die Kriminalität (➞ die Sendung als Audio-Datei): »Die Furcht vor Kriminalität wächst. Sind nur die Medien daran schuld? Opferbefragungen zeigen: Kriminalitätsfurcht hängt stark vom Wohnort ab und von inneren Einstellungen, etwa zu Migration.«

Laut einer Analyse des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachen hat sich die tägliche Sendezeit im Fernsehen zu Kriminalitätsthemen vervielfacht: Waren es im Jahr 1985 noch etwa 15 Stunden täglich, kamen im Jahr 2009 schon mehr als 239 Stunden zusammen. Innerhalb der Kriminalitätsthemen sind Gewaltverbrechen und Morde überrepräsentiert.

»Im Opfersurvey des BKA gaben 16 Prozent der Deutschen an, sich davor zu fürchten, Opfer einer Körperverletzung zu werden. Woher kommt diese Angst? Dieser Frage geht der Kommunikations- und Medienwissenschaftler von der Universität Düsseldorf, Philipp Henn, nach. Er untersucht, wie Nachrichten ausgewählt und gewichtet werden: Was kommt auf Seite eins mit Bild, worüber wird nur am Rand berichtet?

Die Bildzeitung wählt andere Themen aus als etwa die Tagesschau oder die Süddeutsche Zeitung. Erfüllt eine Straftat bestimmte Ereignismerkmale, sind Medien eher geneigt, darüber zu berichten. Dazu gehören Relevanz, Neuigkeit, Schadensart oder Prominenz von Opfer oder Täter.

Kriminologen unterscheiden zwischen der sozialen und der personalen Kriminalitätsfurcht:

  • Soziale Kriminalitätsfurcht ist die Furcht davor, dass bestimmte Straftaten und Straftäter den gesellschaftlichen Frieden gefährden und den Staat mit seinen Mitteln der Verbrechensbekämpfung herausfordern oder gar überfordern. 
  • Persönliche Kriminalitätsfurcht dagegen bezieht sich darauf, wie hoch jemand sein persönliches Risiko einschätzt, Kriminalitätsopfer zu werden, und wie er sich davor schützt. Hier spielen individuelle Faktoren eine wichtige Rolle, etwa die soziale Herkunft, der Bildungsgrad, das Geschlecht, der Wohnort und ob jemand häufig oder selten verreist.

Die R+V-Versicherung fragt seit 1992 einmal jährlich die Ängste der Deutschen ab. Auf Platz eins lag im Jahr 2018 „die Angst vor einer gefährlicheren Welt durch die Politik von US-Präsident Donald Trump“. Die Angst davor, selbst Opfer von Kriminalität zu werden, lag auf Rang 18. Sie hat über die Jahre stetig nachgelassen. Fürchteten sich im Jahr 1993 noch 43 Prozent der Befragten vor einer Straftat, lag der Anteil im Jahr 2018 bei 28 Prozent.

Demgemäß müsste sich das subjektive Sicherheitsempfinden verbessert haben. Schaut man aber auf die Summe aller 21 gemessenen Ängste – also von der Angst vor Arbeitslosigkeit, Terrorismus und dem Klimawandel bis zur Angst, Opfer einer Straftat zu werden, dann fürchten sich im Jahr 2018 mehr Deutsche als im Jahr 1992. Nämlich 47 Prozent im Vergleich zu 38 Prozent.

Zwei Jahre zuvor, als die Studie die Stimmungslage in dem Jahr mit dem größten Zuzug von Fremden seit Langem abfragte, hatte dieser Wert bei 52 Prozent gelegen. Und auch in der aktuellen Umfrage liegen auf den Plätzen zwei und drei die Ängste im Zusammenhang mit Geflüchteten, konkret die Angst vor einer Überforderung von Staat und Gesellschaft und die Angst vor gesellschaftlichen Spannungen wegen des Zuzugs von Ausländern. 

Ordnung oder Unordnung, Normalität oder Normverstoß nimmt jedes Individuum unterschiedlich wahr. Diese Einschätzungen sind maßgeblich für die subjektive empfundene Kriminalitätsfurcht: Herumliegender Müll oder Betrunkene auf einem Platz werden als Mangel an sozialer Kontrolle, als Unordnung und Verfall einer gemeinsamen Werteordnung wahrgenommen.

Um das subjektive Sicherheitsgefühl der Bürger genauer zu erfassen, gehen Sozialforscher in die Stadtteile hinein und sprechen mit den Bewohnerinnen und Bewohnern. Die Stadt Karlsruhe ist auf diese Weise schon länger in Kontakt mit ihren Bürgern, erläutert der Leiter des Ordnungsamtes, Björn Weiße. Auf die Medienberichterstattung kann er zwar kaum Einfluss nehmen. Aber er kann auf die Sorgen der Bürger reagieren.

Zuletzt hat die Stadt den Kommunalen Ordnungsdienst von 20 auf 30 Planstellen aufgestockt. Um das Sicherheitsempfinden nachhaltig zu verbessern, investiert die Stadt Karlsruhe zusätzlich in ein sogenanntes Sicherheitsaudit. Dabei werden die beiden Orte noch genauer untersucht, die den Karlsruhern am unsichersten erscheinen: Der Europaplatz in der Innenstadt und die Hochhaussiedlung Oberreut. Die wird vor allem von den Karlsruhern als unsicher wahrgenommen, die dort nicht wohnen.

Wenn das Sozialkapital in einer Gemeinde hoch ist, dann führt das dazu, dass öffentliche Räume belebt sind, dass Menschen einander wahrnehmen und füreinander sorgen – und das reduziert die Kriminalitätsfurcht. Langfristig sinkt bei einer solchen Entwicklung in einer Gemeinde sogar die tatsächliche Kriminalitätsrate.«