007 im Hörsaal? Studiengang für Nachwuchsspione

An der Bundeswehr-Universität in München werden seit neuestem auch Geheimdienstler ausgebildet. Der Studiengang „Intelligence and Security Studies“ geht in die erste Runde. Alles top secret? So beginnt ein Bericht des Deutschlandfunks unter der Überschrift „Intelligence and Security Studies“: Studiengang für Nachwuchsspione. Nun muss man immer aufpassen, was in der Berichterstattung so alles verkürzt wiedergegeben wird. Wieso München, wird sich der eine oder andere Beobachter der Materie fragen? War da nicht mal was von Berlin?

Bereits am 18. November 2017 hatte Marc Felix Serrao in der Neuen Zürcher Zeitung einen Artikel unter der Überschrift Die neue Schule der Spione veröffentlicht. Und der fing so an: »Deutschlands Nachrichtendienste krempeln ihre Ausbildung um. Von 2019 an können angehende Agenten in Berlin einen Masterstudiengang «Intelligence and Security Studies» absolvieren. Die Federführung liegt im Kanzleramt.« Also doch nicht München?

Nein, das muss kein Widerspruch sein. In Deutschland sagt man oft nicht „oder“, sondern „und“. München und Berlin, so lautet die Auflösung des scheinbaren Rätsels. Schauen wir einmal genauer hin.

An der Universität der Bundeswehr in München gibt es das Center for Intelligence and Security Studies (CISS). Und auf deren Website findet man gleich den Hinweis: »CISS has two branches in Germany: Munich and Berlin.« Und zu den Aufgabe erfährt man dort: »The Munich center was founded in September 2017 at the Bundeswehr University, Munich. Its objectives are to promote interdisciplinary research activities, to organize and coordinate the Master’s Program in Intelligence and Security Studies (MISS), and to advise political leaders in the field of security studies.«

Und da ist es: das Master Program in Intelligence and Security Studies (MISS). Wenn man dort vorbeischaut, dann kommt zuerst einmal eine Art Warnhinweis für diejenigen, die vielleicht durch die Medienberichterstattung motiviert wurden, sich für ein solches sicher krisenfestes Programm zu bewerben – da wird aber sogleich klar gestellt:

»Der Studiengang ist aktuell ausschließlich Mitarbeiter/-innen der Nachrichtendienste des Bundes (BND, BfV und MAD), der Länder (LfV) sowie Soldaten/-innen und Zivilangehörige der Bundeswehr (insb. aus dem Bereich MilNW) vorbehalten. Daneben steht der Studiengang auch Angehörigen der Ministerialverwaltung mit Bezügen zur Sicherheitspolitik (insb. BK-Amt, BMI, BMVg, AA), den im Bereich Staatsschutz tätigen Beschäftigten der Polizeibehörden von Bund und Ländern und den in der parlamentarischen Kontrolle der Nachrichtendienste tätigen Angehörigen der Parlamentsverwaltung offen.«

Und nachdem diese Zugangshürde geklärt wurde, werden wir etwas über die Inhalte informiert: »Grundlagen und Methoden nachrichtendienstlicher und sicherheitsbezogener Arbeit basieren auf einer Vielzahl wissenschaftlicher Disziplinen. Vor diesem Hintergrund wurden im Ausland bereits spezielle nachrichtendienstliche Studiengänge eingerichtet, um diese Disziplinen zusammenzuführen und eine professionelle akademische Ausbildung der Nachrichtendienstmitarbeiter zu gewährleisten. Deswegen startet 2019 ein eigener universitärer Masterstudiengang für das Nachrichtendienstwesen (Master-Studiengang „Intelligence and Security Studies“ – MISS). Dieser wird als gemeinsame nachrichtendienstliche und sicherheitsbezogene Hochschulausbildung am Fachbereich Nachrichtendienste der Hochschule des Bundes (HS Bund) und an der Universität der Bundeswehr München (UniBw M) eingerichtet. Er wird als konsekutiver Präsenzstudiengang mit einer regelmäßigen Studiendauer von zwei Jahren angeboten.«

Wenn man einen ersten Eindruck bekommen möchte, wie so ein Studiengang aufgebaut ist, dann kann man auf eine Abbildung zurückgreifen, die auf der MISS-Website zur Verfügung gestellt wird:

Und bereits in dem Artikel Die neue Schule der Spione aus dem November 2017 erfahren wir einiges zu dem nun anlaufenden Master-Studiengang: Der Jurist Jan-Hendrick Dietrich von der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung und der Computerwissenschafter Uwe M. Borghoff von der Bundeswehr-Universität in München haben unter Federführung des Kanzleramts einen Studiengang konzipiert, der nunmehr das Licht der Welt erblickt. Mit ambitionierten Zielen: »Aus dem Kreis der Absolventen soll dann mit der Zeit etwas entstehen, was es in der angelsächsischen Welt schon lange, in Deutschland bis heute aber nur in Ansätzen gibt: eine «Intelligence-Community», deren Mitglieder behördenübergreifend denken und eine gemeinsame Sprache sprechen.«

Und auch damals schon wurde über Zugangsbeschränkungen, aber auch über die Größenordnung des Programms berichtet: »Der neue Masterstudiengang richtet sich nicht an jedermann, sondern an Angehörige der einschlägigen Behörden. Dazu gehören neben den drei Diensten des Bundes – BND, Bundesamt für Verfassungsschutz und Militärischer Abschirmdienst – auch die Landesämter für Verfassungsschutz, die Kriminalpolizei, die Verwaltungen von Innen-, Aussen- und Verteidigungsministerium sowie die Bundeswehr. Letztgenannte wird wohl die meisten Studenten stellen, vor allem junge Offiziere aus dem militärischen Nachrichtenwesen. Mittelfristig sollen dann auch Mitarbeiter von „Unternehmen mit Sicherheitsbezug“ sowie Angehörige von Behörden und Streitkräften befreundeter Staaten einen deutschen Schnüffel-Master erlangen können. Pro Jahrgang soll es insgesamt 70 Plätze geben.«

Zum einen bezieht man sich bei dem neuen Programm auf ausländische Vorbilder, zum anderen will man sich aber auch darüber hinaus entwickeln: »Die akademischen Vorbilder befinden sich im Ausland. Professor Dietrich nennt als Beispiele entsprechende Studiengänge am King’s College in London, an der Sciences Po in Paris oder an der National Intelligence University im US-Teilstaat Maryland. An deren Standards wolle man sich messen. Mehr noch: Man wolle sie ausbauen. In den angelsächsischen Ländern haben sich die „Intelligence Studies“ meist aus dem Fachbereich International Relations entwickelt. Deren Perspektive sei zu eng, sagt Dietrich. Wer heute nachrichtendienstlich arbeite, müsse auch den digitalen Raum verstehen, sei es um kritische Infrastrukturen wie Atomkraftwerke schützen oder um die Verbreitung von Fake-News durch fremde staatliche Akteure unterbinden zu können. Bei den meisten der geplanten Unterrichtsmodule aus dem Bereich „Digital Intelligence“, die von der Bundeswehr-Uni konzipiert wurden, verstehe er als Jurist nicht einmal die Überschrift. „Das geht von Data-Mining bis hin zu Kryptologie.“«

Susanne Lettenbauer hat das nun in ihrem Radiobeitrag Studiengang für Nachwuchsspione aufgegriffen. Sie weist darauf hin, dass es in dem neuen Studiengang nicht nur um technisches oder sonstiges funktionales Wissen geht, sondern auch mit dabei sind Vorlesungen zur Geschichte der Geheimdienste, »am Pult der emeritierte Marburger Professor Wolfgang Krieger, Mitglied der Historikerkommission zur Aufarbeitung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes in Pullach.« Und angesprochen wird auch die Forschungsperspektive: » Ziel des neuen Studienganges sei es, die Professionalisierung der nachrichtendienstlichen und sicherheitsbezogenen Ausbildung und vor allem Forschung weiter voranzutreiben, heißt es von Staatssekretär Johannes Geismann, Beauftragter der Bundesregierung für die Nachrichtendienste des Bundes.«

Und stößt das auf Interesse trotz der Begrenzungen bei den Zugangsmöglichkeiten? Offensichtlich ja: »Der Run auf das neue Ausbildungsangebot sei enorm, trotz Sicherheitsauflagen und Vorauswahl durch den Beirat aus BND, Bundeswehruni, Verfassungsschutz, aber auch eines hochrangigen englischen Nachrichtendienstes vom King’s Collge London, Sir David Bruce Omand, so Borghoff.«