Arabische Clans. Eine unterschätze Gefahr, meint Ralph Ghadban. Ein Buch mit viel Resonanz, aber auch Kritik

Das Thema „Clan-Kriminalität“ hat ja seit einiger Zeit Hochkonjunktur, nicht nur in den Medien. Auch das Bundeskriminalamt hat sich vor kurzem zu dem Thema geäußert: BKA will Clan-Kriminalität stärker ins Visier nehmen. Das Bundeskriminalamt (BKA) will die Verbrechen von türkisch- und arabischstämmigen Clans in Deutschland genauer ins Visier nehmen. Im nächsten Bundeslagebild zur Organisierten Kriminalität werde es erstmals ein Kapitel geben mit dem Titel „Kriminelle Mitglieder von Großfamilien ethnisch abgeschotteter Subkulturen“, so wird eine BKA-Sprecherin zitiert.

»Nach Angaben des BKA geht von kriminellen Clans mit ausländischen Wurzeln eine Bedrohung aus. „Die Kriminalität von Angehörigen türkisch- und arabischstämmiger Großfamilien zeichnet sich durch eine grundsätzlich ethnisch abgeschottete Familienstruktur aus, die unter Missachtung der vorherrschenden staatlichen Strukturen, deren Werteverständnis und Rechtsordnung eine eigene, streng hierarchische, delinquente Subkultur bildet“, sagte die Sprecherin. In den bisherigen Lagebildern habe man das Thema nur gestreift.«

»Vor allem in Berlin, Bremen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen wird laut BKA derzeit intensiv ermittelt. So beschlagnahmte etwa im August die Polizei allein in Berlin von einem arabischstämmigen Clan 77 Immobilien im Wert von mehr als neun Millionen Euro. Der Vorwurf: Geldwäsche. Die Ermittlungen richteten sich gegen insgesamt 16 Mitglieder der Familie.«

Vor diesem Hintergrund passt der folgenden Klappentext eines im Oktober 2018 veröffentlichten Buches: »Arabische Clans beherrschen die Berliner Unterwelt. Auch in Frankfurt, Bremen und Essen dominieren libanesisch-kurdische Großfamilien die Geschäfte mit Raub, Drogenhandel, Schutzgelderpressung, Prostitution und Geldwäsche. Mittlerweile sind die kriminellen Clans so stark, dass sie zum Angriff auf die Staatsgewalt übergehen. Sie versuchen, Familienmitglieder bei der Berliner Polizei einzuschleusen, suchen Konfrontation mit Justiz und Jugendämtern und machen Stadtteile zu No-Go-Areas.
Der Migrationsforscher Ralph Ghadban macht das erschreckende Phänomen sichtbar. Er erklärt, woher die Clans kommen und wie sie sich entwickelt haben. Er benennt die Fehler in der Integrationsarbeit und warnt davor, dass neue Einwanderer ebenfalls Clan-Strukturen ausbilden und Banden unsere Städte terrorisieren. Ein kenntnisreiches und Augen öffnendes Buch.«

Um dieses Buch geht es hier:

➔ Ralph Ghadban: Arabische Clans. Die unterschätzte Gefahr, Berlin: Econ-Verlag, 2018

Zum Autor: »Ghadban studierte von 1966 bis 1972 Philosophie in Beirut. 1972 Übersiedlung nach (West-)Berlin und Studium der Islamwissenschaften, Promotion als Politologe. 1976 war er Mitbegründer der Libanonhilfe für die Unterstützung der Bürgerkriegsflüchtlinge im Libanon und Berlin. 1977 bis 1992 Sozialarbeit mit arabischen Berlinern, u.a. als Leiter der Beratungsstelle für Araber beim Diakonischen Werk in Berlin. Seit 1992 ist er in der Migrationsforschung mit dem Schwerpunkt Islam in Europa tätig, er hat mehrere Monographien, wissenschaftliche Aufsätze und Zeitungsartikel veröffentlicht.«

Der Mann ist auch in den Medien gefragt und präsent, so beispielsweise vor kurzem in einer Maybrit Illner-Sendung, vgl. dazu die Besprechung von Hans Hütt in der FAZ: Den Gangster-Rap entzaubern.

Ein Interview mit Ralph Ghadban zu den Thesen seines Buches kann man hier nachlesen: Arabische Clans: Die harte Realität. Und der WDR hat eine Gesprächssendung mit ihm produziert, die Audio-Datei kann man hier abrufen:

WDR: Arabische Clans – Ralph Ghadban (24.01.2019)
Der Migrationsforscher Ralph Ghadban beschäftigt sich intensiv mit kriminellen arabischen Clans. In der Redezeit zeichnet er den Weg dieser Großfamilien in die organisierte Kriminalität nach und wie Clankriminalität wirksam bekämpft werden kann.

Das Buch ist auf große Resonanz gestoßen. Karin Truscheit hat ihre Rezension unter die Überschrift Nehmt ihnen das Geld! gestellt. »Mit „schönen Worten“ zur Integration ist Banden und Clans nicht beizukommen, das schildert Ghadban, der 1972 aus dem Libanon nach Deutschland kam, eindringlich. Sein Buch, 304 Seiten lang, ist kein Werk für den schnellen Überblick. Detailliert erläutert er den Familienbegriff im Islam, erklärt Stammeskultur und Patriarchat und zeichnet die Geschichte der libanesisch-kurdischen Gruppe der Mhallami bis zur Migration nach Deutschland nach. Die historische Einbettung ermöglicht so eine intensive Annäherung an das Phänomen „Clan“, das Abschottung als Lebens- und Erfolgsprinzip versteht und in der öffentlichen Wahrnehmung nur auftaucht, wenn Spezialkräfte der Polizei Wohnungen und Shisha-Bars stürmen.«

»Der promovierte Politologe Ralph Ghadban, ehemaliger Sozialarbeiter und Leiter der Beratungsstelle für Araber des Diakonischen Werks in Berlin, weiß, wovon er schreibt. Leidenschaft für den Kampf des Rechts prägt, wie einst im Buch der Berliner Richterin Kirsten Heisig „Das Ende der Geduld“, seine Schilderungen, oft auch unverhohlen Verbitterung. Vor allem wenn es um die parteiübergreifende Ideologie geht, die seiner Meinung nach der Polizeiarbeit immer wieder dazwischengrätscht: Der „Multikulturalismus“ begünstige die kriminellen Machenschaften der Clans seit Jahren, zeige sich in laschen Urteilen, mangelnder Strafverfolgung und der Weigerung, das Kind beim Namen zu nennen: Nur Niedersachsen, das einzige Land, das laut Ghadban konsequent gegen Clankriminalität vorgeht, erarbeitet demnach ein polizeiliches Lagebild mit Listen der entsprechenden Großfamilien. In Nordrhein-Westfalen werde erst jetzt, nach dem Regierungswechsel, ein ähnlicher Weg beschritten.«

Aber er gibt auch Hinweise auf strukturelle Versäumnisse, die sich jetzt rächen: Laut Ghadban hat gerade die restriktive Ausländerpolitik in den achtziger Jahren mit Arbeitsverboten und der Abschaffung von Sozialleistungen dazu beigetragen, die Integration der Flüchtlinge zu erschweren. Durch diese „Maßnahmen der Abschreckung“, um Wirtschaftsflüchtlinge abzuhalten, hätten sich die Flüchtlinge die Werte der „Gastgesellschaft“ kaum aneignen können. „Es war eine verpasste Chance.“

Er macht auch Lösungsvorschläge: »Um die Clans zu zerschlagen, soll man ihnen nach Ghadbans Einschätzung das wegnehmen, worum es ihnen immer nur geht: das Geld. Als wichtigstes Instrument sieht er die Vermögensabschöpfung. Zusammen mit der konsequenten Durchsetzung der Beweislastumkehr – der Verdächtige muss nun die Herkunft des Geldes nachweisen – wird so die „Gewinnperspektive“ der kriminellen Gruppen zerstört, dadurch lockern sich ihre Strukturen. „Die staatliche Aufgabe besteht darin, den Clan zu sprengen, um die Clanmitglieder einzeln zu integrieren.“ Der Kampf bleibe jedoch wirkungslos, wenn nicht endlich ein „umfassender Informationsaustausch“ zwischen Polizei und Sozialämtern etabliert werde. Aus den Fehlern der Vergangenheit müsse angesichts anhaltender Migration gelernt werden: Wenn die Flüchtlinge ähnliche Clanstrukturen aufbauten, gestärkt durch den „erwarteten Familiennachzug“, „dann ist der Kampf einfach aus Kapazitätsgründen verloren“.«

Es gibt aber auch Kritik an seinen Ausführungen. Stellvertretend dafür die Rezension des Buches von Wolfgang Freund in der Süddeutschen Zeitung unter der Überschrift Berliner der besonderen Art. »Der Islamwissenschaftler dokumentiert deren Weg in die organisierte Kriminalität – tendiert aber stark zu Pauschalurteilen«, so das Urteil von Freund. Sein Vorwurf: »Ghadbans Sicht ist deutsch-libanesisch eingeengt.«

»Ghadbans Grundthese: In Deutschland wütet ein besonderer libanesischer Clan, mit Namen „Mhallami“. Gemeint sind islamische Migranten, welche – über türkisch-kurdische Querelen – während der Zwanziger-, Dreissiger- und bis in die Vierzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts hinein Zuflucht im multikonfessionellen Libanon gefunden hatten.
In Libanon selbst jedoch nie richtig Fuß gefasst habend, flohen die Mhallami während der libanesischen Bürgerkriegsjahre (1975 – 1990) weiter Richtung Europa, mit Schwerpunkt Deutschland und vor allem West-Berlin. Sie wurden „Berliner“, doch eher solche der besonderen Art. Aus dem Libanon hatten sie ihre als „Parallelgesellschaft“ entwickelten Clan-Strukturen mitgebracht und sich nach altem Muster auf diese Weise hier neu organisiert.«

Der skeptische Rezensent lobt ein wenig: »Der Autor macht verstehbar, dass zumindest streckenweise das „Mhallami-Modell“ bei anderen „parallelgesellschaftlich“ organisierten Gruppen über den eigenen Clan hinausgehende Schule macht. Daher „die unterschätzte Gefahr“, wie schon im Buchtitel formuliert.« Aber die Abneigung gegenüber den Thesen von Ghadban lässt er dann am Ende doch deutlich raus: »Der unbedarfte Leser mag nach Lektüre zur Auffassung gelangen, in Deutschland lebte es sich noch nie so gefährlich wie in diesen Tagen, dank Clans der Mhallami-Art und ihrem Treiben auf den Straßen und in den nächtlichen Gassen der Republik. Man darf sich dabei aber vielleicht der Tatsache erinnern, dass es heute in deutschen und europäischen Großstädten nicht mehr und nicht weniger kriminell zugeht als schon vor 20 oder 30 Jahren.«