Die Kriminalität nimmt ab, die Ängste aber nicht. Zur Problematik einer sich verselbständigenden Kriminalitätswahrnehmung

Das kennen wir auch aus Deutschland – eine zuweilen recht große Lücke zwischen der wahrgenommenen und der tatsächlichen Kriminalität. Und man sollte die Folgen nicht unterschätzen, denn Kriminalitätsfurcht kann sich verselbständigen und weitreichende Konsequenzen bis in den politischen Raum haben.
Vor diesem Hintergrund ist der Blick über den nationalen Tellerrand ergänzend hilfreich. Und dabei soll das Augenmerk gerichtet werden auf ein Land, in dem die Kriminalität eine weitaus größere und damit für die Menschen noch belastendere Ausformung angenommen hat als beispielsweise in Deutschland. Gemeint sind die USA.

Donald Trump hat während des Präsidentschaftswahlkampfs das Thema Kriminalitätsbekämpfung zu einem seiner Schwerpunkte gemacht und ist damit auf große Resonanz gestoßen. Nach seiner Wahl haben das Weiße Haus und das Justizministerium Maßnahmen gegen die (angeblich) ausufernde Gewalt in amerikanischen Städten angekündigt. Vor diesem Hintergrund hat das Pew Research Center einmal genauer hingeschaut, wie es sich denn mit der Kriminalitätsentwicklung in den USA verhält. Herausgekommen ist der Bericht 5 facts about crime in the U.S., dem auch die Abbildungen entnommen sind. Dieser Bericht wirft ein weitaus differenzierteres Licht auf die Angelegenheit und die Befunde entkräften so einige Behauptungen der Kriminalität-Apokalyptiker in den USA.

Die Befunde der Wissenschaftler sind mehr als eindeutig:

1. Die Gewaltkriminalität in den USA hat in den vergangenen 25 Jahren deutlich abgenommen. Nach Angaben des FBI ist die Rate der Gewaltverbrechen in den Jahren von 1993 bis 2015 um 50 Prozent gefallen. Und nach den Daten einer jährlichen Umfrage unter 90.000 Haushalten des Bureau of Justice Statistics belief sich der Rückgang sogar auf 77 Prozent. Allerdings berichtet das FBI von einem leichten Anstieg der Rate der Gewaltkriminalität am aktuellen Rand (3 Prozent, bei den Morden sogar um 10 Prozent).

2. Eigentumsdelikte haben in der längeren Betrachtung erheblich abgenommen. Zwischen 1993 und 2015 ist die Raten um 48 Prozent gefallen, die Umfragedaten sprechen sogar von 69 Prozent. Hier gibt es auch am aktuellen Rand keinen Anstieg.

3. Die öffentliche Wahrnehmung der Kriminalität weicht häufig von der tatsächlichen Entwicklung ab. Umfragen zeigen, dass Amerikaner häufig glauben, dass die Kriminalität gestiegen sei, obwohl das Gegenteil der Fall war. »In 21 Gallup surveys conducted since 1989, a majority of Americans said there was more crime in the U.S. compared with the year before, despite the generally downward trend in both violent and property crime rates during much of that period.«

4. Es gibt große regionale Unterschiede bei den Kriminalitätsraten. Beispiel 2015: In diesem Jahr gab es in Alaska, Nevada, New Mexico and Tennessee 600 Gewaltverbrechen je 100.000 Einwohner, in den Bundesstaaten Maine, New Hampshire, Vermont and Virginia lag die Rate bei weniger als 200 je 100.000 Einwohner. Ein anderes Beispiel: Chicago wird in den US-Medien als Hochburg der Morde und zunehmend „unregierbar“ dargestellt, tatsächlich sehen die Zahlen so aus: Die Mordrate dort lag bei 18 je 100.000 Einwohnern – während die in St. Louis (59 je 100.000) and Baltimore (55 je 100.000) weitaus höher waren. Das beleuchtet auch die Rolle der Medienberichterstattung.

5. Viele Straftaten werden der Polizei gar nicht bekannt. Nach Umfragedaten wurden 2015 überhaupt die die Hälfte der Gewalttaten der Polizei gemeldet. Und bei der wesentlich größeren Zahl an Eigentumsdelikten soll der Wert sogar nur bei einem Drittel liegen. Es gibt vielfältige Gründe, warum Straftaten gar nicht erst angezeigt werden, u.a. wird auch genannt, die Polizei „würde oder könnte nichts tun, um zu helfen“.