Das eine tun und das andere nicht lassen. Polizei und Sozialarbeit am Beispiel des „gefährlichsten Ortes“ in Berlin

Der Alexanderplatz ist der „kriminalitätsbelastete Ort“ Berlins. Am Mittag, zwischen den Verkäufern, merkt man wenig davon. Doch nachts sieht es anders aus. So beginnt der Artikel Mittags Straßenmusik, nachts Massenschlägerei von Frank Bachner. Auf der Polizeiliste der „kriminalitätsbelasteten Orte“ rangiert der Alexanderplatz ganz oben.

Und das ist wahrlich keine Einbildung: Laut Statistik aber registriert die Polizei hier jeden Tag zwei Körperverletzungen und sieben Diebstähle. Vergangenes Jahr zählte sie 7820 Straftaten. Und das sind nur die, die gemeldet wurden.

Immer wieder wird die Öffentlichkeit mit solchen Meldungen konfrontiert:

»Nacht zum Sonntag: 30 Personen liefern sich an den „Wasserspielen“ eine Schlägerei. Zwei Verletzte, acht Afghanen und ein Syrer, zwischen 15 und 25 Jahre alt, vorläufig festgenommen. „Auslöser des Streits war wohl ein profaner Grund“, sagt eine Sprecherin der Polizei.
Nacht zum Sonnabend: Schlägerei mit 30 Personen, wieder sind Afghanen und Syrer beteiligt, acht Tatverdächtige vorläufig festgenommen, vier Verletzte.
Dienstag, 5. September, abends: Streit zwischen zwei Gruppen, Reizgas wird gesprüht, ein Arm wird durch ein Messer verletzt, ein 27-Jähriger wird wegen des Verdachts der gefährlichen Körperverletzung vorläufig festgenommen.«

Und es scheint sich was zu tun: »Die Polizei wird vor Jahresende mit einer Wache vor Ort sein, 70 Quadratmeter groß, zwischen Toilettenhäuschen und U-Bahn-Eingang gelegen. Rund um die Uhr werden mindestens drei Polizisten Dienst schieben, mit Direktverbindung zum Präsidium, aber ohne Arrestzelle.« Darüber berichtet auch dieser Artikel: Mehr Polizei auf dem Alexanderplatz.

Nun kann man trefflich darüber streiten, ob eine solche Ausstattung an diesem Hotspot wirklich das bewirken kann, was sie soll – abschrecken. Aber selbst wenn man das verdreifachen oder verzehnfachen würde – das Grundproblem lässt sich nicht (allein) durch Polizei lösen. Es braucht auch die Unterstützung aus den Reihen der Sozialarbeit. Und das soll jetzt auch kommen, folgt man diesem Artikel von Florian Schumann: Sozialarbeiter sollen gegen Gewalt am Alex helfen. Und dem kann man nicht nur die aktuelle Problematik entnehmen, sondern auch die negativen Auswirkungen auf die anderen, ganz normalen Menschen, auf die Geschäfte und die, die dort arbeiten:

»Gewalt gab es am Alex schon immer. Neu hingegen ist, dass dafür immer häufiger Jugendliche mit Migrationshintergrund verantwortlich sein sollen. Die „Berliner Zeitung“ berichtet von einem internen Schreiben der Polizei, wonach zuletzt überwiegend junge Mehrfachtäter aus Syrien, Afghanistan, dem Irak und Pakistan Straftaten am Alex verübt haben. Vor allem unter Alkohol- und Drogeneinfluss sei eine gesteigerte Gewaltbereitschaft feststellbar. Tatsächlich meldet die Polizei immer häufiger Massenschlägereien am Alex. Vor wenigen Tagen gingen etwa 20 junge Männer aus zwei Gruppen teils mit Flaschen aufeinander los, konnten jedoch fliehen, bevor die Polizei eintraf.«

»Auch die Bars und Restaurants rund um den Fernsehturm bleiben nicht verschont. Ein Restaurantbesitzer klagt darüber, dass seit einigen Monaten jede Nacht eine Gruppe Jugendlicher auf der Terrasse des Restaurants hause. „Sie essen hier, sie pinkeln und scheißen“, sagt der Mann, der anonym bleiben möchte. Jeden Morgen müssen seine Mitarbeiter die Jugendlichen von der Terrasse vertreiben. Einige zögen freiwillig ab, andere aber provozierten, spielten mit ihren Messern und ließen Decken und Speisekarten mitgehen. Ein paar Meter weiter betreibt der Mann eine Eisdiele, in die einige aus der Gruppe eingebrochen hätten. Sie konnten durch Überwachungskameras identifiziert und von der Polizei gestellt werden. Daher wisse der Restaurantbesitzer auch, dass es sich um Jugendliche aus Syrien handle. „Sie kommen meist abends und fangen an zu trinken und Drogen zu nehmen.“«

Ein heikle Situation. Es gibt eine neue Ermittlungsgruppe „Alex“. Die Kripo-Beamten in Zivil haben dabei vor allem kriminelle Jugendliche mit Migrationshintergrund im Fokus.

Aber die sollen am besten davon abgehalten werden, auf die kriminelle Schiene zu geraten. Dafür hat man ein neues Angebot mit dem Namen Jara (Jugendaktionsraum am Alexanderplatz). Die Senatorin für Bildung, Jugend und Familie, Sandra Scheeres (SPD), hat den Containerbau mit vergitterten Fenstern zwischen Fernsehturm und Neptunbrunnen eröffnet mit diesen Worten:

„Es ist richtig, die Polizeipräsenz auf dem Alexanderplatz zu erhöhen. Für kriminelles Verhalten, auch von jungen Menschen, gibt es null Toleranz. Aber die Polizei kann die Probleme am Alexanderplatz nicht alleine lösen. Flankierend braucht es eine gute Jugendsozialarbeit. Streetworkprojekte wie JARA tragen dazu bei, dass junge Menschen gar nicht erst auf dumme Ideen kommen beziehungsweise Konflikte zwischen Gruppen nicht eskalieren. Jetzt gibt es erstmals eine Anlaufstelle am Alexanderplatz, wohin sich junge Menschen wenden können. Zugleich können die Streetworker von dort aus auf die Jugendlichen und jungen Erwachsenen zugehen, Freizeitaktivitäten und Beratungen anbieten, auf Probleme reagieren und auch Kontakte zu anderen Nutzergruppen knüpfen. Integration zu fördern ist der beste Weg, um Straftaten zu vermeiden.“ Die Pressemitteilung dazu steht unter der bezeichnenden Überschrift Scheeres eröffnet Jugendaktionsraum am Alexanderplatz: „Polizei kann die Probleme nicht alleine lösen“.

An vier Tagen pro Woche bieten zwei Mitarbeiter des gemeinnützigen Vereins Moabiter Ratschlag den Jugendlichen Freizeit-, Beratungs- und Begegnungsmöglichkeiten. Freitags und samstags schließt der Container um 21 Uhr, unter der Woche bereits 20 Uhr. In den kritischen Stunden danach „macht Prävention keinen Sinn, dann räumen wir das Feld für die Polizei“, sagte der Sozialarbeiter Tino Kretschmann vom Moabiter Ratschlag, berichtet Florian Schumann in seinem Artikel.

Foto: © Stefan Sell