Der Blick ins Nachbarland: Die Polizei in Frankreich hat nicht nur ein Imageproblem

Eine interessante und nachdenklich stimmende Sendung von Deutschlandfunk Kultur über die Situation vieler Polizisten in unserem Nachbarland:

Selten beklatscht, oft gehasst: Frankreichs Polizisten in Zeiten des Terrors: Das Image der „Flics“ in Frankreich war nie besonders gut: Sie treten aggressiv auf und greifen rasch zu Elektroschocker und Hartgummigeschoss-Pistolen. Doch die Prügelknaben der Nation im Ausnahmezustand sind heute selbst erschöpft und traumatisiert.

In dem Beitrag werden einige Punkte angesprochen, die auch auf der #SIKO17 eine Rolle spielen werden, beispielsweise das Verhältnis zwischen Polizei und Bürgern. Das in Frankreich sicher noch einmal deutlich angespannter zu sein scheint als zuweilen in Deutschland.

In dem Beitrag wird eine Polizistin mit diesen Worten zitiert:

„Nicht nur die Straftäter – auch ein großer Teil der übrigen Bevölkerung mag die Polizei nicht. Ich verstehe nicht, warum wir so unbeliebt sind, nach allem, was in Frankreich passiert ist. In schweren Momenten kann die Bevölkerung auf uns zählen, das haben wir bewiesen. Heute sind wir ganz schön ausgelaugt, aber trotzdem versuchen wir, unser Bestes zu geben und alles richtig zu machen. Ja, wir sind enttäuscht, aber das Verhältnis zu den Bürgern war schon immer schlecht. Damit müssen wir uns abfinden.“

Tatsächlich betrachten viele Franzosen ihre Polizisten nicht als „gardien de la paix“, als Friedenswächter – so die offizielle Berufsbezeichnung – , sondern als regelrechte Feinde. Das liegt vor allem daran, wie sie eingesetzt werden. So sorgen gezielte Personenkontrollen aufgrund von ethnischen Merkmalen für anhaltende Spannungen.

Einer der besten Kenner der französischen Polizei, Sebastien Roché, wird in dem Beitrag mit dieser Diagnose zitiert: In vielerlei Hinsicht unterscheide sich die französische von anderen Polizeien in Europa. Meistens zu ihrem Schlechten.

„Es ist eine riesige Behörde mit 140.000 Polizisten und 100.000 Gendarmen, sie ist zentralistisch organisiert. Ein guter Kommissar ist, wer das Pariser Innenministerium zufrieden stellt. Kontrollen und Festnahmen stehen im Vordergrund, auch deshalb sind die Beziehungen zur Bevölkerung und insbesondere zu den sichtbaren Minderheiten so angespannt.“

Aber es wird auch über bürgerschaftliches Engagement berichtet. So wurde das Kollektiv Citoyens et Policiers gegründet. Gemeinsam organisieren hier ganz unterschiedliche Menschen Aktionen, damit Bürger und Polizisten ihre Feindseligkeiten überwinden. Mit dabei ist auch der Polizist Fabien, der in der Pariser Vorstadt Colombes arbeitet. Ihn und seine Kollegen regt vieles auf, was bei ihrer Behörde schief läuft. Ein brutaler Brandanschlag auf Polizisten in einer Banlieue von Paris, bei dem zwei Beamte lebensgefährlich verletzt wurden, hat das Fass dann zum Überlaufen gebracht.

Im Herbst 2016 haben sie demonstriert (vgl. dazu beispielsweise den Artikel Der „Wutmarsch“ der Polizei vom 21.10.2016).

»Wir haben dann den Verein ‚Polizisten in Wut‘ gegründet, weil wir unabhängig von den Gewerkschaften ein Zeichen setzen wollten. Damit sich endlich was ändert.«

Mittlerweile beteiligt er sich an der Arbeit des Kollektivs „Citoyens et Policiers“. Ebenfalls dabei: der Polizist Laurent. Er ist Angehöriger der Ordnungspolizei CRS und wird immer dort eingesetzt, wo es brenzlig ist. Die Ordnungspolizei – das muss man wissen – ist ganz besonders verhasst. Laurent wird mit diesen Worten zitiert:

„Die Polizei ist kaum noch in den sozialen Brennpunkten präsent. Wir hätten gerne Zeit, um dort Kontakte zu knüpfen. Aber es geht nicht – weil uns die Leute fehlen. Der Staat setzt jetzt fast ausschließlich auf Sicherheitspolitik, das passt uns nicht immer. Zugleich müssen wir die wachsende Unzufriedenheit der Bürger ausbaden. Wir haben Druck von oben und Druck von unten.“

Das sind gute und wichtige Aktivitäten – aber sie werden nur dann mittel- bzw. eher langfristig Erfolg haben (können), wenn parallel eine Organisationsreform von oben vorangetrieben würde.